07 May 2026, 14:11

Halberstadts verlorenes jüdisches Erbe: Wie die DDR die Erinnerung tilgte

Plakette an einer Steinwand mit der eingravierten Inschrift "Adolf Abraham".

Halberstadts verlorenes jüdisches Erbe: Wie die DDR die Erinnerung tilgte

Halberstadts jüdische Geschichte wurde lange von Zerstörung und Vernachlässigung überschattet. Zwischen 1938 und 1945 wurde die einst blühende neo-orthodoxe Gemeinde der Stadt systematisch vernichtet. Neue Forschungen von Philipp Graf zeigen nun, wie die DDR dieses Erbe trotz antifaschistischer Bekenntnisse versäumte zu bewahren.

Die Geschichte beginnt mit der Pogromnacht 1938, als die Halberstädter Synagoge zerstört wurde – ein Wendepunkt in einem dunklen Kapitel der Stadt. Jahrzehnte später untersucht Graf in seinem Buch „Verweigerte Erinnerung“ (Originaltitel: Rejected Legacy), warum die DDR jüdische Kulturspuren tilgte, obwohl sie sich offiziell gegen den Faschismus stellte.

Die Zerstörung der jüdischen Gemeinde Halberstadts vollzog sich rasant nach November 1938. Die Ruinen der Synagoge markierten den Beginn einer Kampagne, die eines der bedeutendsten Zentren des Neo-Orthodoxen Judentums in Deutschland auslöschte. Bis 1961 lebte nur noch ein Jude in der Stadt: Willy Calm, der als offizieller Ansprechpartner für eine nicht mehr existierende Gemeinde fungierte.

In der Nähe befand sich das Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge, in dem während des Krieges Tausende Zwangsarbeiter interniert waren. 1949 entstand dort eine Gedenkstätte, doch 1969 wurde ihr Zweck umgedeutet. Als Ort für politische Gelöbnisse neu gestaltet, wurde sie direkt über den Gräbern der Häftlinge errichtet. 1979 schließlich nutzte die DDR die Lagertunnel als Militärdepot für die Nationalen Volksarmee.

Philipp Grafs Recherchen decken einen tieferen Widerspruch auf: Obwohl die DDR den Antifaschismus propagierte, ignorierte sie das jüdische Kulturerbe. Aufzeichnungen, Musik und Literatur – wie die Schallplatten von Lin Jaldati oder Romane von Peter Edel und Jurek Becker – blieben unbeachtet. Graf argumentiert, dass diese Auslöschung systematisch erfolgte und mit autoritären Strukturen sowie Antisemitismus zusammenhing.

Das Thema kam 2018 wieder auf, als Halberstadt das Grundstück Rathauspassagen verkaufte. Gerüchte über einen „Verkauf an die Juden“ machten die Runde und veranlassten Graf, die unbewältigte Vergangenheit der Stadt zu untersuchen. Seine Erkenntnisse unterstreichen ein anhaltendes Versagen: Weder die DDR noch spätere Generationen setzten sich umfassend mit dem Verlust auseinander.

Grafs Arbeit offenbart eine bittere Wahrheit: Halberstadts jüdische Geschichte wurde nicht nur zerstört, sondern aktiv verdrängt. Die antifaschistische Rhetorik der DDR trug wenig dazu bei, das immaterielle Erbe zu bewahren oder vorurteilsbehaftete Haltungen zu überwinden. Heute bleibt die Vergangenheit der Stadt ein mahnendes Beispiel dafür, wie Autoritarismus – ob von rechts oder links – das Gedächtnis verzerren kann.

Die Gedenkstätte in Langenstein-Zwieberge steht noch immer, doch ihre vielschichtige Geschichte spiegelt einen größeren Konflikt wider. Ohne ehrliche Aufarbeitung, warnt Graf, drohen sich die Muster von Verdrängung und Antisemitismus zu wiederholen.

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