Kunst oder Politik? Biennale Venedig zwischen Boykott und Besucher-Löwen
Theo MayerKunst oder Politik? Biennale Venedig zwischen Boykott und Besucher-Löwen
Die 61. Biennale von Venedig hat mit 100 Nationalpavillons und 111 teilnehmenden Künstlern und Künstlerinnen für das Publikum geöffnet. Das diesjährige Festival steht unter dem Motto „In Moll“ und umfasst 31 Begleitausstellungen in ganz Venedig. Doch die Veranstaltung wird von einer Kontroverse überschattet: Nach dem Boykottaufruf einer internationalen Jury gegen Länder, deren Regierungen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt sind, kam es zu Turbulenzen.
Betroffen sind Israel und Russland. Als Reaktion traten alle fünf Jurymitglieder zurück, und die Verleihung der Goldenen Löwen wurde auf den 22. November verschoben.
Die Jury der Biennale hatte zunächst erklärt, sie werde die Pavillons Israels und Russlands nicht bewerten. In einer Stellungnahme verwies sie auf ethische Bedenken angesichts der Handlungen beider Regierungen. Innerhalb weniger Tage legten alle Juroren ihre Ämter nieder – die Organisatoren sahen sich gezwungen, die Preisverleihung zu verschieben.
Als Lösung führte die Biennale die „Besucher-Löwen“ ein: Ein öffentliches Abstimmungssystem soll nun die Jury-Entscheidungen ersetzen. Die Ergebnisse werden am 22. November bekannt gegeben.
Israels Ausstellung „Rose der Nichtigkeit“ wird von Michael Gov zusammen mit Avital Bar-Shay und Sorin Heller kuratiert und präsentiert Werke des Künstlers Belu-Simion Fainaru. Der russische Pavillon „Der Baum hat seine Wurzeln im Himmel“ zeigt unter der Leitung der Kuratorin Anastasiia Karneeva rund 40 Künstlerinnen und Künstler. Beide Pavillons bleiben trotz der Boykottforderungen geöffnet.
Portugal ist mit „RedSkyFalls“ des Künstlers Alexandre Estrela im Palazzo Fondaco Marcello vertreten. Estrela positionierte sich öffentlich gegen die Teilnahme Russlands und Israels und unterstützte damit die ursprüngliche Haltung der Jury. Auch Brasilien und Osttimor vertreten die lusophone Welt auf der Biennale.
Die Biennale-Stiftung und die italienische Regierung betonen institutionelle Neutralität und lehnen den Boykott ab. Kunst solle von politischen Konflikten getrennt bleiben, argumentieren sie.
Die Biennale von Venedig läuft noch bis zum 24. November. Die Preisvergabe liegt nun in den Händen des Publikums. Durch den Boykott und die Rücktritte der Jury rückt die künstlerische Anerkennung zugunsten der Publikumsteilhabe in den Hintergrund. Die endgültigen Entscheidungen über die „Besucher-Löwen“ werden am 22. November verkündet.






