Wie Hindenburgs Flaggenverordnung 1926 die Weimarer Republik spaltete
Jonas HofmannWie Hindenburgs Flaggenverordnung 1926 die Weimarer Republik spaltete
Deutschlands Flaggenstreit erreichte im Mai 1926 einen Wendepunkt, als Reichspräsident Paul von Hindenburg eine neue Verordnung erließ. Der Schritt sollte den langwierigen Konflikt um die nationalen Symbole beilegen – doch stattdessen vertiefte er die politischen Gräben. Zu diesem Zeitpunkt war das Land gespalten: Die einen unterstützten die schwarz-rot-goldene Flagge der Weimarer Republik, die anderen hielten an den alten kaiserlichen Farben Schwarz-Weiß-Rot fest.
Die Wurzeln des Streits reichten bis zur Revolution von 1918/19 zurück, als der Zusammenbruch des Kaiserreichs unterschiedliche Visionen für Deutschlands Zukunft hinterließ. Die Weimarer Koalition – bestehend aus Sozialdemokraten, Zentrumspartei und Liberalen – führte Schwarz-Rot-Gold als Nationalflagge ein, während Konservative und Nationalisten an Schwarz-Weiß-Rot als Symbol der Monarchie festhielten. Nach dem Scheitern des Anschlusses Österreichs 1919 verfestigten sich diese Lager zu verfeindeten Blöcken.
Ein Kompromiss von 1921 erlaubte das Nebeneinander beider Flaggen: Schwarz-Rot-Gold für offizielle Zwecke und eine Handelsflagge, die beide Farbschemata vereinte. Doch die Spannungen blieben im Alltag spürbar. Die Reichspräsidentenwahl 1925 zementierte die Spaltung – Hindenburgs Sieg mobilisierte den „Schwarz-Weiß-Roten Reichsblock“ gegen den „Schwarz-Rot-Goldenen Volksblock“.
1926 versuchte Reichskanzler Hans Luther, die Frage von rechts zu lösen, wissend, dass dies die Linke provozieren würde. Am 5. Mai ordnete Hindenburg in seiner Zweiten Flaggenverordnung an, dass diplomatische Vertretungen außerhalb Europas beide Flaggen zeigen sollten. Doch das Dekret befriedigte die Konservativen nicht, die die kaiserlichen Farben als alleiniges Nationalsymbol wiederhergestellt sehen wollten. Unter Druck von beiden Seiten kämpfte Luthers Regierung ums Überleben.
Der Reichskunstwart Edwin Redslob hatte zuvor vergeblich versucht, eine einheitliche „Reichsflagge“ zu entwerfen – einen Mittelweg gab es nicht. Hindenburg griff am 9. Mai mit einem offenen Brief ein und forderte eine verfassungsgemäße Lösung, um die Gemüter zu beruhigen. Doch sein Appell kam zu spät, um die Kluft zu überbrücken.
Die Flaggenverordnung konnte den Konflikt nicht schlichten. Im Gegenteil: Sie offenbarten, wie tief die Weimarer Republik über ihre Identität gespalten blieb. Mit den Kommunisten, die nun ebenfalls Schwarz-Rot-Gold unterstützten, hatte sich der Streit über das gesamte politische Spektrum ausgebreitet – ein Weg zur Versöhnung war nicht in Sicht.






