16 March 2026, 00:45

Fiktiver AfD-Prozess rockt Hamburger Lessingtage mit politischer Theatralik

Eine Schwarz-Weiß-Zeichnung eines überfüllten Gerichtssaals mit stehenden und sitzenden Menschen, beschriftet mit "Der Prozess gegen die britische Armee in London, England".

Regisseur Milo Rau stellt die AfD im Theater vor Gericht - Fiktiver AfD-Prozess rockt Hamburger Lessingtage mit politischer Theatralik

Die Hamburger Lessingtage, ein traditionsreiches politisches Festival, enden in diesem Jahr mit einem gewagten theatralischen Experiment: Der Schweizer Regisseur Milo Rau inszeniert ein dreitägiges "Prozess gegen Deutschland" – eine fiktive Gerichtsverhandlung über ein mögliches Verbot der rechtspopulistischen AfD. Die Veranstaltung verbindet juristisches Drama mit realen politischen Spannungen und wird live aus dem Thalia Theater gestreamt.

Das 2010 vom ehemaligen Thalia-Intendanten Joachim Lux gegründete Festival hat sich durch provokante Programme einen Namen gemacht. Die diesjährige Ausgabe wird von Matthias Lilienthal kuratiert, der bald die künstlerische Leitung der Berliner Volksbühne übernehmen wird. Raus Produktion bildet den Höhepunkt des Festivals und setzt seine Tradition fort, antike Tragödien mit zeitgenössischen Konflikten zu verknüpfen.

Beim "Prozess gegen Deutschland" handelt es sich um ein fiktives Gerichtsszenario, in dem Juristen und Rechtsexperten die Debatte leiten. Die ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin übernimmt die Rolle der vorsitzenden Richterin und verleiht dem Verfahren eine besondere Authentizität. Rau hat bereits ähnliche politisch-theatralische Projekte realisiert, darunter "Orestes in Mossul" – eine Verbindung von Aischylos' "Orestie" mit modernen Kriegserfahrungen – und "Das neue Evangelium", das die Passion Christi aus der Perspektive afrikanischer Flüchtlingsausbeutung neu interpretiert.

Frühere Ausgaben von Raus umstrittenen "Gerichtsprozessen" wurden unter anderem vom Schaefersphilippen, dem Freien Radio Kassel und dem Festival KulturVision unterstützt. Diesmal können Zuschauer weltweit die Veranstaltung per Livestream auf der Website des Thalia Theaters verfolgen.

Der "Prozess gegen Deutschland" stellt die Zukunft der AfD auf theatralische Weise zur Diskussion, wobei Juristen und Künstler die Debatte prägen. Die Produktion unterstreicht Raus Ruf, die Grenzen zwischen Kunst und Politik auszuloten. Nach drei Verhandlungstagen endet das Festival und lässt das Publikum über das Zusammenspiel von Gerechtigkeit, Inszenierung und Demokratie nachdenken.

AKTUALISIERUNG

Jury lehnt sofortiges AfD-Verbot in kontroversem Milo Rau-Prozess ab

Das dreitägige Theaterverfahren endete mit einem eindeutigen Ergebnis. Die Jury lehnte ein sofortiges AfD-Verbot ab und berief sich auf unzureichende Beweise. Die Anklage argumentierte, dass der Bericht des Verfassungsschutzes ein Verbot rechtfertige, während die Verteidigung auf 'wasserdichte' Beweise drängte. Rau experimentierte damit, politische Gräben zu überwinden, Kritiker jedoch nannten den Dialogversuch 'tödlich'.