Deutschlands Visachaos vertreibt Tech-Gründer – trotz Rekord bei Blauer Karte EU
Jonas HofmannDeutschlands Visachaos vertreibt Tech-Gründer – trotz Rekord bei Blauer Karte EU
Deutschland könnte zu einem führenden Standort für Tech-Startups aufsteigen, während die USA ihre Visabestimmungen verschärfen. Doch das eigene Visasystem vertreibt talentierte Gründerinnen und Gründer, noch bevor sie überhaupt beginnen. Viele internationale Unternehmer verlassen das Land oder bleiben in Angestelltenverhältnissen, statt eigene Unternehmen zu gründen.
Alan Poensgen, Partner beim Frühphasen-Investor Antler, weist darauf hin, wie bürokratische Hürden potenzielle Startups ausbremsen. Trotz eines wachsenden Pools an Fachkräften macht das aktuelle System es ihnen schwer, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen.
In Deutschland leben über 100.000 Inhaber der Blauen Karte EU, und ihre Zahl steigt rasant. 2023 stellte das Land fast 80 Prozent aller Blauen Karten in Europa aus – insgesamt rund 113.500. Bis Ende 2024 stieg diese Zahl auf 131.500, mehr als das Doppelte im Vergleich zu 2018.
Das Problem tritt auf, wenn diese Fachkräfte ein eigenes Unternehmen gründen wollen. Das System der Blauen Karte geht davon aus, dass sie Angestellte bleiben – nicht Gründer werden. Der Wechsel zu einer freiberuflichen Aufenthaltserlaubnis kann über ein Jahr dauern, wobei die Industrie- und Handelskammern veraltete Kriterien anwenden. Diese Regeln passen oft nicht zu Tech-Unternehmen und lassen Unternehmer in der Warteschleife hängen.
Selbst wer seinen Job kündigt, um ein Startup zu gründen, sieht sich engen Fristen gegenüber: Innerhalb von etwa drei Monaten müssen sie eine neue Anstellung finden – sonst droht der Verlust des Aufenthaltsrechts. Eine Niederlassungserlaubnis dauert Jahre und setzt B1-Deutschkenntnisse voraus, was eine weitere Hürde darstellt.
Expertinnen und Experten schlagen Lösungen vor, etwa spezielle Service-Stellen für Gründer, klare englischsprachige Leitfäden und realistischere Gehaltsanforderungen in der frühen Gründungsphase. Mehr Vorlaufzeit könnte Gründern zudem den Übergang von der Festanstellung in die Selbstständigkeit erleichtern.
Ohne Reformen riskiert Deutschland, ehrgeizige Gründer an andere Länder zu verlieren. Das aktuelle System zwingt viele dazu, entweder auszuwandern oder ihre Pläne für ein Startup ganz aufzugeben. Werden diese Visaprobleme angegangen, könnten Berlin und Deutschland zum wichtigsten westlichen Zentrum für Tech-Unternehmer werden.